Wissenschaft fordert Schutz für Tiefsee-Korallen

Über 1000 Meeresbiologen aus aller Welt schlagen Alarm und fordern in einer Proklamation an die UNO überlebenswichtige Sofortmaßnahmen zum Schutz von Tiefsee-Korallenriffen.

Trotzdem zahlreiche Fischbestände vor dem Zusammenbruch stehen, durchkämmen hochtechnisierte Fangflotten intensiver als je zuvor die Tiefen der Weltmeere. Mit immer effektiveren Fangmethoden werden auch am Tiefsee-Boden die letzten Speisefische und Krustentiere eingesammelt: Kabeljau, Seehecht, Garnelen, Tiefseehummer, Seezungen und Schollen.

Doch die riesigen Fanggeschirre, so genannte Grundschleppnetze und Baumkurren, zerstören dabei den filigranen Boden: Tonnenschwere Eisenrollen und Scherbretter werden auf Kufen über den Meeresboden gezogen, dazwischen hängen Eisenketten, durch die am Boden lebende Fische aufgescheucht und ins Fangnetz getrieben werden.

Der Meeresboden wird dabei umgepflügt und im Wege stehende Korallenriffe völlig zerstört. Die Schleppnetze können so groß sein, dass bis zu zwölf Jumbojets in ihren "Rachen" passen. Eine Netzfüllung kann bis zu 600 Tonnen Fisch sowie riesige Mengen an Beifang liefern, wie Greenpeace
(www.greenpeace.de) berichtet.

Dieser "Beifang" - z.B. pro Kilo Seezunge rund zehn Kilo anderer Meeresbewohner - ist auch die häufigste Todesursache zahlreicher vom Aussterben bedrohter und streng geschützter Arten. Doch nur 0,5 Prozent der Meeresoberfläche sind bisher als Schutzgebiet ausgewiesen und davon sind lediglich zwei Prozent für die Fischerei gesperrt.

Damit sich die Ozeane und Fischbestände weltweit regenerieren können, ist ein Netzwerk von Schutzgebieten mit ausgewiesenem Fangverbot auch in den Tiefen der Meere nötig, so die inzwischen einhellige Meinung der Meeresforscher.

Dringlicher Appell an 187 Regierungen:

1.136 führende Wissenschaftler aus 69 Nationen haben deshalb eine Proklamation zum Schutz von Tiefsee-Korallenriffen und zur Unterlassung von Schleppnetz-Fischerei in bestehenden und zu errichtenden Schutzzonen unterzeichnet und diese am 15. Februar 2004 im Rahmen der UN-Konferenz über Biologische Vielfalt (www.biodiv.org) in Kuala Lumpur den Vereinten Nationen und allen 187 Mitgliedstaaten der CBD-Konvention überreicht.

"Tiefsee-Fischerei ist mit dem Kahlschlag des Urwaldes gleichzusetzen. Ein Grundschleppnetz zerstört alles, was ihm in den Weg kommt. Die Mitgliedsstaaten der Konvention für biologische Vielfalt müssen eine Resolution verabschieden, die der UNO nahe legt, ein Moratorium gegen die Tiefsee-Fischerei mit Grundschleppnetzen zu erlassen und dieser zerstörerischen Fischerei ein Ende zu machen", so Greenpeace Biologin Nina Thüllen.

"Es ist mehr als ironisch, dass Milliarden für die Suche nach längst verschwundenen Ozeanen am Mars ausgegeben werden, während wir gleichzeitig die verblüffende Lebensvielfalt in unseren eigenen, irdischen Gewässern zerstören", so Dr. Elliott A. Norse, Präsident des Marine Conservation Biology Instituts (www.mcbi.org) in Redmond WA und Mit-Autor der Proklamation.

"Rund 98 Prozent aller im Ozean vorkommender Spezies leben in, auf oder knapp über dem Meeresboden. Viele von ihnen wurden noch nicht einmal entdeckt - darunter auch zahllose, uralte Tiefsee-Korallenarten und Schwämme," so Norse in Anspielung auf erst jüngst durch U-Boot-Roboter entdeckte Riffe, die in großer Tiefe und bei kältesten Temperaturen ein ebenso reiches Leben wie die aus tropischen Breiten bekannten Riffe beherbergen. Nur dass sie wesentlich verbreiteter sein dürften als Flachwasserriffe.

"Diese Tiefsee-Korallen gehören zu den ältesten Lebewesen unseres Planeten - eines wurde unlängst mit 1800 Jahren beziffert - und jeder, der versteht, warum wir Wälder an Land schützen, wird verstehen, warum unterseeische Korallenriffe vor Schleppnetz-Verwüstung zu schützen sind: Sie sind die Bäume und Regenwälder der Tiefe - und wichtigster Quell allen Lebens auf dem Meeresboden", erklärt Norse.

Autor:
www.ExpeditionZone.com

Fotos/Grafiken:
© Robert Stone, NOAA Fisheries; Dr. R. Grant Gilmore, Dynamac
Corporation; Lance Horn, National Undersea Research Center / University of North Carolina at Wilmington; Dr. Manfred Krautter, Universität Hannover, Germany