Korallensterben und dramatische Überfischung

Mehrere Studien warnen vor einem Korallen- und Fischsterben um Norwegen, Irland und Schottland - ausgelöst durch den exzessiven industriellen Fischfang.


Auf der Bostoner Jahreskonferenz der American Association for the Advancement of Science (www.seaweb.org) wurde von mehreren internationalen Forscherteams auf die akute Gefährdung unserer Meere hingewiesen.

Was Umweltschutzorganisationen schon seit Jahren anprangern, wird nun von neuesten wissenschaftlichen Ergebnissen drastisch unterstrichen. Außer den - vor allem durch Treibhausgase - ansteigenden Wassertemperaturen sowie einer Überdüngung durch Abfallstoffe führen die fortschreitende Zerstörung von Korallenriffen und eine Überfischung bisher nie dagewesenen Ausmaßes zur Ausrottung unzähliger Meeresbewohner.

Nordost-Atlantik wird maritime Wüste

Mehrere Forscher, darunter ein Team um Daniel Pauly vom Fischereizentrum der University of British Columbia und Meeresforscher um Callum Roberts von der britischen University of York machten darauf aufmerksam, dass besonders der Nordostatlantik gerade dabei sei auszusterben. Im gesamten Nordatlantik sei die Fischfangquote inzwischen um 50 Prozent gefallen.

Fischereiflotten dutzender Länder hätten in den vergangenen Jahren die zurückgehenden Fangquoten mit modernster, staatlich geförderter High-Tech-Ausrüstung auszugleichen versucht und dabei durch Einsatz von Tiefsee-Schleppnetzen, Sonar und Satellitenaufnahmen systematisch die letzten Fischbestände und deren Rückzugsgebiete am Meeresgrund und in Riffen dezimiert.

Tiefsee-Korallen von Schleppnetzen zerstört

Der jüngste alarmierende Bericht stammt nun von einem britisch-französisch-norwegischen Team um Royal Society Mitglied Dr Jason Hall-Spencer von der Marine Biological Station Millport
(www.gla.ac.uk/Acad/Marine) der schottischen University of Glasgow (www.gla.ac.uk).

Dank dem Interesse an Ölvorkommen im offenen Ozean wurden im Nordostatlantik vor allem in der Gegend um die Bruchlinie in den Kontinentalplatten ausgedehnte Meeresbodenuntersuchungen mit ferngesteuerten Tiefseetauchbooten unternommen.

Dort gibt es noch relativ unbekannte Tiefsee-Korallen (Desmophyllum cristagalli, Enallopsammia rostrata, Lophelia pertusa, Madrepora oculata und Solenosmilia variabilis), die sich über ein Gebiet von gut 13 km Länge erstrecken.

Sowohl die von den U-Booten gemachten einzigartigen Videoaufnahmen des Meeresgrundes vor Norwegens Westküste als auch Schallwellenmessungen und die Analyse der kommerziellen Fangrouten enthüllten aber eine großfläche Zerstörung der Korallenriffe vor Irland, Schottland und Norwegen.

Die bis zu 4 km langen, schweren Schleppnetze mit Stahleinsätzen würden über den Untergrund schrammen, dabei das Sediment umpflügen und uralte Korallen, die laut C14-Radiokarbon Datierung oft bis zu 4.550 Jahre brauchten, um zu ihrer derzeitigen Größe heranzuwachsen, innerhalb weniger Sekunden in großen Stücken vom Riff brechen.

Fangverbote und Schutzzonen dringend nötig

In Tiefen zwischen 840 und 1.300 Metern wäre Fauna und Flora bereits so nachhaltig zerstört, dass man von einer Unterwasser-Wüste sprechen muss, wenn man sich im Vergleich dazu die wenigen unbeschädigten, blühenden Riffregionen ansieht.

Laut Hall-Spencers Studie, die unter Mitwirkung von Valerie Allain and Jan Helge Fossa entstand und in der Februar-Ausgabe der Proceedings of the Royal Society (www.royalsoc.ac.uk) erschienen ist, würde ein einziges Schiff, das 15 Tage auf Schleppnetz-Fang unterwegs ist, rund 33 Quadratkilometer Meeresboden zerstören.

Alle Forscher sind sich darin einig, dass das bestehende Fangverbot mit Tiefsee-Schleppnetzen in unmittelbarer Küstennähe um ein vielfaches ausgedehnt werden müsse und den Korallenriffen, die einen Großteil aller Meeresbewohner beheimaten, helfe nur mehr ein generelles Fischereiverbot. Andernfalls würden mit ihnen soviele Arten aussterben, dass die maritime Nahrungskette - an deren Ende letztendlich der Mensch steht - zerbricht.

Autor:
www.ExpeditionZone.com

Fotos/Grafiken:
© Jason Hall-Spencer, Marine Biological Station in Millport, University of Glasgow und Jan Helge Fossa, Institute of Marine Research, Bergen/Royal Society