Gebirgsseen der Alpenregion vergiftet

Wissenschafter der Universität Innsbruck untersuchten nun eine Reihe von Gebirgsseen in den Tiroler Alpen und kamen zu erschreckenden Ergebnissen. Demnach sind diese mit einer besonders giftigen Substanz kontaminiert, welche aus den tropischen Ländern über Wind und Atmosphäre in die Alpen gelangen.


Die Alpen. Glitzernde schneebedeckte Hänge, glühende Bergspitzen, grünende Almen, blumenbedeckte Wiesen. So stellt man sich eines der schönsten Gebiete im Herzen Europas vor, doch inmitten dieser romantischen Idylle lauert eine bedrohliche Gefahr.

Tiroler Wissenschaftler fanden nun heraus, daß dieses einzigartige Ökosystem wie ein Magnet für giftige Substanzen aus der Atmosphäre wirkt. DDT (Dichlorodiphenyltrichloroethan), so der wenig rühmliche Name des Toxins legt dabei eine weite Reise zurück. Von Afrika kommend, wo es als Insektizid extensiv gegen die malariaübertragenden Anophelesmücken eingesetzt wird, gelangt es mit dem Wind direkt nach Mitteleuropa. Dort wird es von kalten Gebirgsseen aufgesogen und gespeichert.

„Wir fanden heraus, daß Fische in den kontaminierten Seen 1.000 mal mehr DDT enthalten, als jene Fische in niedriger gelegenen Gewässern“, so Roland Psenner von der Leopold-Franzens Universität Innsbruck.

Tiefe Temperaturen werden zur Gefahr

Seit mehreren Jahren beschäftigt sich Psenner intensiv mit inneralpinen Gebirgsseen und ihren unvergleichlichen Eigenheiten. Als Professor des Instituts für Zoologie und Limnologie (Wissenschaft von den Binnengewässern und ihren Lebewesen) ist er nicht nur in der Lehre tätig, sondern forscht aktiv an wissenschaftlichen Projekten im Feld.

Zusammen mit anderen Forschern arbeitet er derzeit an einer Studie der Europäischen Union, welche die Untersuchung von Fischen in kalten Gewässern um den Gefrierpunkt von Spanien bis hinauf nach Norwegen zum Ziel hat.

Im Rahmen dieser Untersuchung machte das Team auch die besorgniserregende Entdeckung. Wie Psenner meint, seien gerade die besonders tiefen Temperaturen in den Seen oberhalb der Baumgrenze für die Aufnahme von DDT verantwortlich.

Mit Wasserdunst aus Afrika oder Indien kommend, sorgt das rauhe Klima dafür, daß sich der Wasserdunst abkühlt und als Niederschlag zur Erde fällt. „Gobale Destillation“ wird dies im Fachjargon genannt.

„Es wandert um die Erde wo es warm ist und fängt sich in den kalten Regionen“, so Psenner. „Wir wußten von DDT an den Polen, doch die Existenz dieses toxischen Stoffes in den Pyrinäen oder Alpen war uns bislang völlig unbekannt.“

Bedrohung und Segen zugleich

DDT, auch bekannt unter Chlorophenotan, wurde erstmals im Jahre 1874 synthetisiert. Eines seiner ersten Anwendungsgebiete lag im militärischen Bereich. Über lange Zeit hatten sich Soldaten mit DDT zu waschen um gegen Plagen vorzubeugen.

Im Jahre 1948 schließlich wurde der Schweizer Chemiker Dr. Paul Müller mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet, nachdem er die Wirksamkeit von DDT gegen Insekten ohne offensichtliche Nebenwirkungen für den Menschen nachweisen konnte. Danach wurde DDT seitens der USA und Europa über lange Zeit als Insektizid in der Landwirtschaft eingesetzt. Dort diente es vor allem im Kampf gegen Fliegen, Flöhe, Wanzen und Küchenschaben.

Seine tödliche Effizienz gegen malariaübertragende Insekten wie die Anophelesmücke trug schließlich zur Verbreitung über die Ganze Welt bei. Im Jahre 1972 schließlich wurde DDT in den USA und vielen europäischen Staaten verboten, nachdem Wissenschaftler seine Giftigkeit nachweisen konnten.

Insbesonders stellten die Forscher einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen DDT und Krebsarten wie Brust-, Hoden- und Prostatakrebs fest, schreckliche Krankheiten also, die durch eine Beeinflußung des Hormonsystems ausgelöst werden.

Nichtsdestotrotz wird DDT auch heute noch in großem Stil in vielen Entwicklungsländern als Insektizid eingesetzt. Hier dürfte vor allem der extrem niedrige Preis des Insektizids eine vorrangige Rolle spielen. Derzeitige Verhandlungen zum weltweiten Verbot von DDT sind zwar im Gange, dürften sich aber noch einige Jahre hinziehen.

Hauptaugenmerk auf Gossenköllesee

Die Gefahr für die inneralpinen Seen ist akut. In Österreich konzentrieren sich die Forscher derzeit auf 3 Seen, die sich alle in einem geschützten Bereich weit oberhalb der Baumgrenze befinden.

Rund 32 km von der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck entfernt und nur durch einen Schilift zugänglich, befindet sich das Hauptuntersuchungsgebiet der Forscher: der Gossenköllesee. Der See mit einer Fläche von rund 1,7 ha und einer maximalen Tiefe von 9.9 m befindet sich auf rund 2.417 m. Dicht nebenan befinden sich der Rotfelssee und Geirneggsee.

„Diese Seen tragen beinahe über acht Monate eine kontinuierliche Eisdecke“, so Psenner. Eigentlich dürften Seen in dieser Höhe keine Fischpopulation beherbergen, dennoch befinden sich in den Gewässern Bachforellen, welche wahrscheinlich vom Habsburgerherrscher Maximilian I eingesetzt wurden.

Trotz ihrer Isolation von Landwirtschaft und Schwerindustrie zeigen die Fische starke Symptome von Streß, offensichtlich zurückzuführen auf die Akkumulation von sogenannten POPs (persistent organic pollutants = langanhaltenden organischen Schadstoffen), so Psenner.

Wie die Forscher anmerkten, bestünde derzeit noch keine unmittelbare Gefahr für den Menschen, da die Schadstoffwerte unter den EU Normen für Gefährdung liegen und die Fische ohnedies selten gegessen würden. Auch eine Gefahr für das Grund- und Trinkwasser sei nicht zu erwarten.

Nichtsdestotroz sind die Forscher besorgt und untersuchen daher die Auswirkungen von DDT auf das Hormonsystem. DDT könne nämlich auch bei Tieren zu Störungen in deren Sexualorganen führen, was wiederum Auswirkungen auf deren Fortpflanzung hat. Seltene Alpintiere wie die Gemse, das Murmeltier und Hermelin wären besonders stark betroffen.

Eine Verbesserung der Situation ist aber derzeit nicht in Sicht. Mit einer durchschnittlichen Jahrestemperatur um den Gefrierpunkt rund um den Gossenköllesee, wechselt DDT selten wieder in einen gasförmigen Zustand, um weiter zu reisen in kältere Gefilde. “Je kälter es ist, desto mehr von diesem Zeug sammelt sich an”, so Psenner.

Ein geplantes weltweites Verbot toxischer Schadstoffe, bekannt unter dem Namen „Dirty Dozen“ (Schmutziges Dutzend), wozu auch DDT zählt, könnte zwar den Zustand des alpinen Ökosystems verbessern, doch stößt diese Idee auf heftigsten Widerstand seitens vieler Wissenschaftler, die Millionen von Malariatoten befürchten.

„Es ist nicht unethisch, unser Ökosystem schützen zu wollen“, so Psenner. „Aber es ist unethisch den Dritten Welt Ländern in den letzten 50 Jahren keine bessere Alternative anzubieten.“

Forschungssation Gossenköllesee gefährdet

Und gleich noch eine Gefahr droht dem UNESCO Biosphärenreservat Gossenköllesee, wenn auch nicht direkt für den See selbst, sondern vielmehr für eine Forschungsstation, welche das Innsbrucker Institut für Zoologie und Limnolgie an dessen Ufer betreibt.

Im Jahre 1975 errichtet, ist die limnologische Station „Otto Steinböck“ Ausgangspunkt vieler Untersuchungen zu langfristigen Entwicklungen und Veränderungen hochalpiner Einzugsgebiete, vor allem der Gewässer in dem Biosphärenreservat geworden.

Diese Aufgabe wird in einer Zeit, in der natürliche Ökosysteme in rasendem Tempo verschwinden, immer wichtiger. Da die Umgebung des Gossenköllesees nicht nur für Tirol charakteristisch ist, sondern auch eine noch weitgehend intakte Naturlandschaft darstellt, nimmt das Biosphärenreservat Gossenköllesee eine international bedeutende und nahezu einmalige Stellung ein.

Nach ersten Untersuchungen in den 60er Jahren laufen nun seit 25 Jahren Diplomarbeiten, Dissertationen und internationale Forschungsprojekte am Gossenköllesee.

Im MOLAR (Mountain Lake Research, 1997-1999) zum Beispiel, einem großen Umweltprojekt der EU, in dem Hochgebirgsseen in 13 europäischen Ländern verglichen wurden, nahm der Gossenköllesee die zentrale Stelle ein.

Er ist der einzige Hochgebirgssee in Europa, an dessen Ufer eine großzügig ausgestattete Forschungsstation steht, in der sämtliche Messungen durchgeführt werden konnten, die mit hohem Geräteaufwand verbunden sind, Laborplatz benötigen und gleichzeitig emissionsfreies Arbeiten im Winter wie im Sommer erlauben.

Durch die großzügige Renovierung und den Ausbau der Station im Jahr 1994 steht der alpinen Forschung ein fast perfektes Instrument zu Verfügung. Die Erkenntnis, daß der Gossenköllesee eine der letzten Bachforellenpopulationen beherbergt, machen den See – neben vielen anderen Faktoren – nicht nur für die Forschung, sondern auch für den Erhalt der Biodiversität extrem wertvoll.

Die Station am See ist Arbeitsplatz für 3 bis 5 Wissenschaftler, Ausbildungsplatz für Dutzende Studenten und Grundlage für die Beteiligung an EU-Projekten. Doch die europaweit einzigartige Forschungsstation der Universität Innsbruck ist in großer Gefahr. Diese soll nämlich durch den Bau eines Skiliftes quer durch das Biosphärenreservat zunichte gemacht werden.

Ein Skilift quer durch das von der UNESCO geförderte Biosphärenreservat Gossenköllesee bedeutet aber nicht nur den weiteren Verlust einer Naturlandschaft, sondern würde auch für ein von der EU gefördertes Forschungsprojekt das Aus bedeuten.

Aus diesem Grund setzt sich das Universitätsinstitut unter der Leitung Psenners vehement gegen die Realisierung dieser Pläne ein. Falls auch du die Zerstörung dieses einzigartigen Gebietes verhindern möchtest, dann hast du auf der Homepage des Instituts
(zoology.uibk.ac.at/de/index.html) die Gelegenheit eine entsprechende Petition zu unterstützen.

Wenn wir auch die DDT Gefahr aus der Luft nicht direkt beeinflussen können, so liegt es doch in unserer Macht, die Natur selbst zu schützen, vor allem in unserem jeweils naheliegendstem Lebensraum.

Autor:
www.ExpeditionZone.com


Fotos / Grafiken
© Uni Innsbruck, Dpt. Limnologie; MOLAR Projekt