Atlantis lebt – Umweltflucht beginnt

Die uralten Erzählungen versunkener Kontinente beflügelten Jahrhunderte lang die Fantasie der Menschen. Bald jedoch braucht man nur mehr aus dem Fenster zu sehen, um live zu erleben, was damals geschah - es passiert nämlich gerade wieder. Das Meer verschlingt ein Paradies. Und viele Weitere werden demnächst folgen.

Was für die meisten von uns Mitteleuropäern noch graue Theorie ist - dass nämlich die durch Umweltverschmutzung und Treibhausgase erwärmte Erdatmosphäre den Meeresspiegel in die Höhe treibt - ist für viele Menschen anderer Länder bereits seit Jahren ein grausam-realer Kampf ums Überleben.

Inselstaaten versinken im Meer

Nach einem Meeresanstieg von rund 30 cm seit dem vorigen Jahrhundert gibt es - erstmals in der modernen Welt - eine ganze Nation, die den Kampf gegen die Natur verloren hat. Der kleine südpazifische Inselstaat Tuvalu zwischen Hawaii und Australien muss evakuiert werden

Rund 11.000 Menschen sehen sich gezwungen, ihre neun Korallen-Atolle, deren höchste Erhebungen gerade noch 2 Meter aus dem Wasser ragen, verlassen zu müssen - ohne zu wissen wohin.

Asylanfragen der Insulaner an Australien und Neuseeland wurden bislang abgelehnt. Die internationale Politik sieht derzeit offenbar nicht nur "großzügig" über Klimaschutzmaßnahmen hinweg, sondern auch über deren höchst menschliche Folgen.

Doch dabei wird "die Welt" vermutlich nicht mehr länger untätig zusehen können. Die Industrienationen mit der höchsten Umweltbelastungsrate - allen voran die USA - sind nun aufgerufen, die Folgen ihres Umgangs mit der Natur zu verantworten.

Die ersten 11.000 Umweltflüchlinge warten auf Hilfe. In wenigen Jahren, wenn der Meeresspiegel weiter gestiegen ist, warten dann schon die nächsten rund 500.000 Menschen der anderen Inselstaaten Polynesiens und Mikronesiens auf Aufnahme, darunter auch die maledivische Bevölkerung, die ebenfalls schon länger auf ihre Problematik aufmerksam macht.

Und das ist nur ein Vorgeschmack dessen, was noch auf uns zukommen wird. Denn auch in Europa und den anderen Kontinenten gibt es unzählige Gebiete, die bereits heute unter oder knapp über Meeresniveau liegen.

 

 

Prognostizierter Meeresanstieg

Innerhalb dieses Jahrtausends werden Küstengebiete rund um den Globus - insgesamt etwa in der Größe der heutigen USA - den Weg von Atlantis gehen, darunter einige der fruchtbarsten Landschaftsstriche der Erde, was auch dramatische Auswirkungen auf die weltweite Lebensmittelversorgung haben wird

Bei dem derzeit (noch unterschiedlich) prognostizierten weltweiten Anstieg der Meere (worst-case-Szenario: 7 - 13 Meter bis Ende des Jahrtausends) wird etwa alleine Südasien mit rund 20 Millionen Flüchtlingen fertig werden müssen, die ihre Heimat dem Meer überlassen mussten.

Umweltflüchtlinge brauchen neuen Lebensraum

Und selbst wer in höher gelegenen Landstrichen lebt, etwa in Zentral-Europa, wird die Folgen bald zu spüren bekommen: Denn es wird (derzeit nur statistisch gesehen) jeder 3-Personen-Haushalt einen Flüchtling aufzunehmen und durchzufüttern haben. (Wohlstandsstaaten werden entsprechend ihrer Versorgungskapazität mehr Flüchtlinge aufnehmen müssen als Dritte-Welt Länder.)

Und werden all diese Flüchtlinge nicht aufgenommen, dann wird in absehbarer Zeit ein kriegerischer Konflikt über die Neuverteilung der übrig gebliebenen Landmassen entscheiden.

Umdenken, Emissionen senken

Die im Moment wirkungsvollste Maßnahme, um dieser Entwicklung gegenzusteuern, nämlich die raschest mögliche Senkung aller CO2 Ausstöße versandet aber zusehends in immer weiteren internationalen Klimaverhandlungen.

Dabei ist nachgewiesen, dass das Klima mit rund 20 Jahren "Verspätung" reagiert, was heißt, dass wir derzeit erst mit den Folgen der Schadstoffausstöße aus den 80ern konfrontiert sind und selbst ein kompletter Stopp von Emissionen frühestens 20 Jahre später zum Tragen kommt. Wobei der Meeresanstieg bloß eine Facette des "global warming" darstellt.

Spätestens anlässlich der letzten Klimakonferenz in Marrakesch wurden alle teilnehmenden Staaten mit den neuesten Prognosen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) konfrontiert, einer von den Vereinten Nationen (UNEP) und der World Meteorological Organization (WMO) ins Leben gerufenen Organisation, die einen der bislang umfassendsten Reports zum Klimawandel erstellte.

Behalten wir also das weitere Schicksal der Insulaner von Tuvalu und Umgebung genau im Auge, denn an ihnen sehen wir, was einem Großteil der Menschheit über kurz oder lang blüht. Und an dem, wie sie behandelt werden, sehen wir, wie es einst auch uns ergehen könnte.

IPCC-Report (Englisch):
www.ipcc.ch
Klimawarnung des World Watch Institutes (Englisch):
www.worldwatch.org/alerts/010113.html


(Autor: www.ExpeditionZone.com)
(Fotos: © Tahiti Tourisme / ExpeditionZone)