Tsunami - Tod aus dem Meer

Tsunamis, riesige Flutwellen, rissen nach einem der schwersten neuzeitlichen Seebeben Hunderttausende Menschen in Südostasien in den Tod, vernichteten Küsten und Inseln im gesamten Indischen Ozean. ExpeditionZone.com interviewte Alois Glienke, der mit der ersten privaten Hilfsinitiative in Sumatra eintraf.

In Südostasien liegt eine der dichtbewohntesten Zonen unserer Erde, die auch zahlreiche Urlaubsparadiese von Europäern und Amerikanern beherbergt. Nun wurde dieses Paradies grausam zerstört: Nach einem der schwersten neuzeitlichen Seebeben am Morgen des 26. Dezembers 2004 rissen Tsunamis, riesige Flutwellen, Hunderttausende Menschen in den Tod, vernichteten Häuser, Hotelanlagen, Dörfer entlang der Küsten und Inseln des gesamten Indischen Ozeans.

Die stündlich steigenden Zahlen sprechen bereits von 300.000 Toten, Zehntausende bleiben vermisst, Millionen von Menschen in Sri Lanka, Indonesien, den Andaman und Nicobar inseln, Indien, Bangladesh, Thailand, Malaysien und den Malediven stehen plötzlich ohne Wohnung da, ohne Infrastruktur, ohne Kleidung und Lebensmittel.

Vielfach sind auch Wasser- und Stromversorgung sowie Kommunikationsnetze zerstört. In dem herrschenden Chaos ist das ganze Ausmaß der Katastrophe noch nicht einmal absehbar. Zumal nun akute Seuchengefahr in den überschwemmten, mit Abwässern und Leichen übersäten Gebieten aufkommt.

Die internationale Hilfe ist bereits voll angelaufen, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich viele Touristen unter den Opfern befinden. Auch Deutschland und Österreich entsenden Rettungstrupps, Nahrungs- und Kleidungspakete sowie Medikamente. UNO und viele einzelne Nationen haben wesentliche finanzielle Unterstützung angekündigt.

65 kleinere Nachbeben wurden nach der ersten Springflut-Serie registriert und bei der überlebenden Bevölkerung wie bei den gerade eintreffenden Hilfstruppen geht die Angst um, weitere Monsterwellen könnten folgen. Experten empfehlen jedenfalls, Evakuierungslager in mindestens 2 Kilometer Entfernung zur Küste anzulegen, Trinkwasser in jedem Fall zu entkeimen bzw. abzukochen, sowie Lageberichte an die verschiedenen Informationshotlines weiterzugeben, damit gezielt geholfen werden kann.

Die Ursachen der (vermeidbaren?) Katastrophe

Das Drama begann, als man am 26. Dezember um ca. 1 Uhr Morgens Ortszeit am NOAA Pacific Tsunami Warning Center in Hawaii (PTWC) schwere Schockwellen im Erdmantel aufzeichnete.

Als Epizentrum des mit 8,9 auf der nach oben offenen Richter-Skala und damit viertschwersten Erdbebens seit dem vorigen Jahrhundert wurde ein Gebiet etwa 65 km vor der Westküste der indonesischen Insel Sumatra ermittelt.

Die US-Geologen schickten sofort ein Bulletin aus, in dem angeschlossene Institutionen davon informiert wurden. Dass die Möglichkeit einer Tsunami-Entwicklung rund um das Epizentrum bestünde, war darin ebenfalls vermerkt. Eine Nachricht, die Asien jedoch nie erreichte - mangels zuständiger Ansprechpartner, wie bei NOAA betont wird.

Zu der so genannten zirkumpazifischen Zone gehörig, wo laufend tektonische Aktivität entlang den Rändern der pazifischen Platte statffindet, die sich unter die kontinentale Platte Eurasiens schiebt, musste bei dem Beben ein Riss in der Erdrinde oder eine ruckartige Hebung von Teilen des Meeresbodens entstanden sein.

Mit einem Schlag wurden riesige Wassermassen verschoben - entlang einer bis zu 1000 Kilometer langen Bruchzone - und setzten eine Wellenbewegung in Gang, die sich kreisförmig mit bis zu 800 km/h um das Zentrum ausbreitete.

Doch Tsunamis, seit 1963 aus dem Japanischen Wortschatz übernommen und als "Hafen-Wellen" übersetztbar, fallen im offenen Meer kaum auf. Denn die Serie oft bis zu 50 Meter hoher Wellenberge bleibt da größtenteils unter Wasser.

Erst in zunehmend geringerer Tiefe vor den Küsten wird ihre unglaubliche Geschwindigkeit auf 50 bis 30 km/h abgebremst, wobei sich die Wassermassen zunehmend komprimieren und zu gewaltigen Monsterwellen erheben, bevor sie als alles zerstörende Kraft über das Festland hereinbrechen und kilometerweite Verwüstung hinterlassen.

Knapp eine Stunde nach ihrem Start erreichte die Erste von mindestens drei Wellen Thailand, rund 2 Stunden später war sie bereits bei den über 2.500 km entfernten Malediven angekommen, etwa zeitgleich mit Ostindien und Bangladesh. In Sumatra und Sri Lanka wurde von bis zu 10 Meter hohen Brechern berichtet, die Boote, Autos, Bäume und Häuser mit sich rissen, als wäre es Spielzeug. Auf den Malediven waren die Wellenberge noch immerhin an die 4 Meter hoch, etwas schwächere Ausläufer erreichten sogar noch die über 5000 km entfernte Westküste Afrikas.

Bericht eines Helfers aus Banda Aceh

ExpeditionZone.com führte ein Interview mit Alois Glienke aus Zwickau, der sich angesichts der schrecklichen Ereignisse kurzerhand entschloss, selbst aktiv Hilfe zu leisten. Er organisierte einen privaten Hilfstransport in die am schlimmsten von der Flutkatastrophe heimgesuchte Krisenregion Sumatras, nach Banda Aceh.

EZ: Herr Glienke, sie sind verantwortlich für einen der allerersten privaten Hilfstransporte, die zu Jahresbeginn in Banda Aceh, eintrafen. Was hat sie dazu veranlasst, selbst einen Transport zu organisieren und wie ist ihnen das als Privatmann in so kurzer Zeit gelungen? Und woher wussten sie, was dort eigentlich gebraucht wird?

AG: Ein Bericht von Spiegel-TV über die Kinderstation des Krankenhauses Kesdam, dem es an Sauerstoff und Verteilereinheiten für die kleinen Patienten fehlte, veranlasste mich zum sofortigen Handeln.

In meiner Tätigkeit für das "Living Earth Project" (www.leap01.org), das sich der Erhaltung bedrohter Fischarten und anderer Tiere widmet, konnte ich bereits viele Kontakte aufbauen, die sich auch hier als nützlich erwiesen.

Ich sprach mit einem befreundeten Medizin-Bedarfshändler, der über speziell für den Katastropheneinsatz entwickelte Gerätschaften verfügt, hatte bald darauf auch Zusagen der Firma Air-Liquide für 48 große Sauerstoff-Flaschen und Hesto-Med stellte Transportable Sauerstoff-Versorgungsgeräte zur Verfügung.

Dann wurde direkter Kontakt mit den Krankenhäusern in Banda Aceh aufgenommen, um zu recherchieren, was noch vor Ort gebraucht wurde. Trinkwasser-Aufbereitungsanlagen der Firma Solar-Power sowie Impfstoffe von Chiron-Behring konnten dabei auch noch innerhalb kürzester Zeit für Sumatra organisiert und zum Transport fertig gemacht werden.

Die Transportkosten übernahm zur Gänze Spiegel-TV, die Überstellung nach Sumatra kam Mithilfe des Transportunternehmens Kühne & Nagel und der Hilfsorganisation World-Vision zustande. Ohne die engagierte Beteiligung all dieser Unternehmen hätte die Sache nicht geklappt.

EZ: Was waren ihre Eindrücke kurz nach der Ankunft, als sie die Verwüstung erstmals mit eigenen Augen sahen, das wahre Ausmaß der Katastrophe zu begreifen begannen? Was geht einem bei solchen Bildern durch den Kopf?

AG: Durch die Bilder, die ununterbrochen im Fernsehen liefen, konnte ich mich schon ein wenig mental auf das vorbereiten was vor mir liegen würde. Vor Ort entstand dennoch ein ganz anderer Eindruck, der mir auch lebenslang erhalten bleiben wird. Diese immense Vernichtung kann man eigentlich nicht mit Worten beschreiben. Ich denke, Film und Foto sprechen da eine deutlichere Sprache. Irgendwie löste das Szenario auch das Gefühl aus, dass noch nicht einmal dies das Ende der Fahnenstange darstellt, so wie wir mit unserer Welt umgehen.

EZ: Wie funktionierte die Verständigung, Koordination und Zusammenarbeit mit Behörden und Hilfsorganisationen vor Ort? Herrschte eher Chaos oder gab es bereits konkrete Einsatzpläne, nach denen vorgegangen wurde?

AG: Zu dieser Frage regen sich in mir gemischte Gefühle, einerseits gab es eine Vielzahl von Organisationen, wo jeder für sich arbeitete, wo um jeden Patienten gekämpft wurde. Anderseits gab es auch Lazarette, die gar keine Patienten hatten. Auch freiwillige Ärzteteams aus aller Welt wurden teilweise von einem Lager zum Anderen geschickt und konnten dadurch kaum effizient helfen.

Dann passierten auch Dinge, über die ich mich nur mehr wundern konnte. Dass zum Beispiel in ein Islamisch-asiatisches Land für mehrere hunderttausend Dollar Aluminiumgeschirr mit Messern und Gabeln als Hilfsgut geliefert wird, oder dass wertvolle Antibiotika aus Karrtar tagelang am Zielflughafen liegen bleiben und sich niemand dafür zuständig zeigt.

Zu Beginn unseres Eintreffens konnte auch keiner ahnen, dass die meisten Verletzten schon in die Krankenhäuser nach Medan gebracht wurden. Ich denke, es hätten sich alle Beteiligten ein bisschen mehr Informationen vorab besorgen müssen, um sich genauer auf die Situationen einstellen zu können, zumal ja auch von den Medien sehr gute Berichterstattung gekommen ist.

Trotzdem, unter diesen Umständen haben die meisten Organisationen absolute Spitzenarbeit verrichtet. Ich persönlich konnte mich vor Ort allerdings am besten auf das einheimische Militär verlassen, nicht nur, wenn es um Abholung der Hilfsmittel und Organisation der Logistik ging.

EZ: Was konnten sie und ihr kleines Team vor Ort bewirken?

Da wir wirklich zu den Ersten vor Ort mit genügend medizinischem Sauerstoff gehörten, konnten viele Kinder und Erwachsene soweit stabilisiert werden, dass niemand mehr an Lungenembolie oder ähnlichem sterben musste.

Zum Glück konnte ich auch die Cholera Impfstoffe in Deutschland organisieren und persönlich im Linienflugzeug mitnehmen, denn trotz der enormen Spendengelder, die international mobilisiert wurden, waren und sind Impfstoffe so gut wie nicht vorhanden.

EZ: Wie war der Stand der Dinge, als sie Banda Aceh wieder verließen? Funktionieren zumindest Teile der Infrastruktur wieder? Konnte die akute Seuchengefahr einigermaßen eingedämmt werden? Wo und wie wurden die vielen obdachlosen Menschen untergebracht?

 
AG: Man stelle sich vor: Eine Stadt mit 250.000 Einwohnern muss mit rund 50.000 Toten fertig werden. Die Seuchengefahr ist meines Erachtens noch immer enorm, da bis zum heutigen Tage noch längst nicht alle Leichen geborgen wurden und sich täglich mehr Menschen mit Infektionskrankheiten anstecken.

Die Infrastruktur der Stadt ist im nichtbetroffenen Teil völlig in Ordnung und man meint, es wäre nichts passiert. Im Flutgebiet steht aber bis auf ein paar einzelne Gebäude nichts mehr. Zum Zeitpunkt unserer Anwesenheit existierten aber nur fünf Bagger, die Aufräumarbeiten verrichten konnten.

Das Obdachlosenproblem ist höchstens oberflächlich gelöst, auch wenn nun zunehmend mehr dagegen unternommen wird. Vor allem geht es um die rund 800 Kinder, die keine Eltern mehr haben. Sie und noch einmal so viele Eltern, die ihre Kinder samt Heim verloren haben, sind derzeit in Zeltstädten untergebracht. Auch wenn hier verzweifelt versucht wird, neue Familien zu bilden, spielen sich täglich menschliche Dramen ab, die nicht zu beschreiben sind.

EZ: Sie stehen nach wie vor mit 3 Krankenhäusern in Banda Aceh und Medan in Verbindung und organisieren nun trotz der Welle internationaler Hilfsbereitschaft den nächsten privaten Hilfseinsatz. Was wird dort jetzt - nach eineinhalb Monaten ununterbrochenen Kampfes gegen die Folgen der Tsunamis - noch dringend gebraucht?

AG: Da ich die Anforderungslisten mehrerer Militärkrankenhäuser ausgehändigt bekam, lässt sich klar feststellen, dass es an medizinischer Technik, Labortechnik zur Diagnostik und vor allem an verschiedenen Vorsorgeimpfstoffen fehlt.

Für vieles davon gibt es mittlerweile bereits feste Zusagen von Spendern. Ungelöst ist diesmal aber noch die Frage des Transports. Bislang hat sich noch keine Fluggesellschaft dazu bereit erklärt. Wir hoffen jedoch auf eine baldige Lösung, zumal die Tage der Hilflosigkeit immer rascher verstreichen.

EZ: Wir danken für das Interview Herr Glienke – aber auch dafür, dass sie uns zeigen, wie wichtig die Zivilcourage eines Einzelnen sein kann. Viel Erfolg für ihre Hilfsmisssion.



(Autor: www.ExpeditionZone.com)
(Fotos/Grafiken: © NOAA / ExpeditionZone)