15.02.2002

Hot-spots des maritimen Lebens gefährdet

Korallenriffe und ihre Bewohner sind ein wichtiger Quell des Lebens, deren Kernzonen nun erstmals erfasst wurden. Nur 0,028 % unserer Meere beherbergen mehr als zwei Drittel aller bedrohten Meeresbewohner.

Korallenriffe und ihre Bewohner stellen einen realen Quell des Lebens in unseren Meeren dar, ebenso wie einen unermüdlichen Nahrungsnachschub für Millionen Menschen. Darüberhinaus bildet das Kalkgerüst von Korallen gemeinsam mit dem gebildeten Kalksediment von Schalentieren eine besonders dauerhafte "Senke" für das schädliche CO2 Treibhausgas.

Ein Viertel aller Korallenriffe weltweit ist jedoch bereits zerstört und weitere 58 % sind durch Überdüngung, Verschmutzung, steigende Temperaturen des Wassers sowie Überfischung von der akuten Vernichtung bedroht. Sollten - zumindest die wichtigsten Gebiete - nicht strengst geschützt werden, ist mittelfristig mit dem Aussterben eines Großteils aller Meeresbewohner zu rechnen, wie eine Publikation in "Science"
(www.sciencemag.org) warnt.

Dies hätte nicht nur katastrophale Folgen für Meer und Klimaentwicklung, auch mit schwersten finanziellen Verlusten wäre zu rechnen. Ein Großteil der Bevölkerung vieler Nationen lebt schließlich vom Fischfang. Gibt es in Küstennähe aber nichts mehr zu fischen, sind Armut und Hungersnöte die Folgen.

Wo das Leben brodelt

Die Kernzonen maritmer Artenvielfalt, wo auch besonders viele bedrohte Meeresbewohner leben, wurden nun in einer weltweiten Bestandsaufnahme des Center for Applied Biodiversity Science
(www.biodiversityscience.org) von Conservation International
(www.conservation.org) unter Callum M. Roberts mit Hilfe eines US-Kandisch-Australischen Teams erfasst.

Dazu wurde die Verbreitung von 3.235 Arten von Fischen, Korallen, Schnecken und Langusten untersucht, wobei festgestellt wurde, dass viele Tiere - darunter auch 58 Korallenarten - nur ortsgebunden existieren können, mit dem Verlust eines lokalen Lebensraumes also auch eine ganze Population zum Tode verurteilt ist. Was im Widerspruch zu bisherigen Theorien steht, wonach bei der enormen Größe der Meere ein lokales "Umkippen" keine allzugroßen Folgen hätte.

Die Ergebnisse des CABS-Teams besagen jedoch, dass in nur 0,028 % der ozanischen Fläche mehr als zwei Drittel aller bedrohten Meeresbewohner leben - und dass diese "Roten Zonen" auch 35 % aller Korallenriffe umfassen. Besonders alarmierend ist auch, dass im Gegensatz zu 1/4 aller Fische und 1/3 aller Schnecken mehr als die Hälfte aller Langustenarten an eng gefasste geographische Gebiete "gefesselt" sind.

Werden diese Hot-spots des Lebens beeinträchtigt - was bereits bei 58 % massiv der Fall ist: "Dort blutet die Biodiversität geradezu aus", so Roberts - und sollten weitere Gebiete veröden, so sind die Folgen für die gesamte Nahrungskette und das Leben im Meer unabsehbar.

Die "Roten Zonen"

Die Forscher haben nun jene maritimen Lebensräume, deren Erhaltung den größtmöglichen biologischen Nutzen erzielen würde, in einer Liste der achtzehn wichtigsten Lebensräume zusammengefasst, die unter strengsten Schutz gestellt werden müssen.

Die Liste der zehn artenreichsten und zugleich gefährdetsten Biotope umfasst:
- die Phillipinen
- den Golf von Guinea
- die Sunda-Inseln
- die südmascarenischen Inseln
- die Ostküste Südafrikas
- den nördl. Indischen Ozean
- die Küsten Südjapans, Taiwans und Südchinas
- die Kapverden
- die westliche Karibik
- das Rote Meer und den Golf von Aden

Wobei 8 dieser 10 tropischen Gebiete auch zu Lande wahre Oasen des Lebens sind und einen Großteil aller terrestrischen Spezies beherbergen.

Als weitere wichtige marine Biodiversitätsträger wurden Neu Kaledonien, das Große Barrier Riff, der Golf von Kalifornien, Hawaii, West-Australien, die Osterinseln, St. Helena und die Ascension Islands sowie die Lord Howe Insel charakterisiert.

(0riffe-sciencesml.jpg © Science/Photos by Callum Roberts & Alec Dawson Shepherd, Conservation International)

 

Schützen heißt nützen

"An diesen Hot-spots geschützte Meeresreservate mit Fischereiverbot einzurichten sei nur einer der dringendsten Schritte", sagt Roberts. Naturreservate an Land seien inzwischen "eingebürgert", gut 6 % der Landmasse steht unter Schutz. Doch im viel größeren Meer läge bislang weniger als ein halbes Prozent in mehr oder minder geschützten Zonen.

"Dabei ist bekannt, dass maritime Schutzzonen großen ökologischen wie ökonomischen Nutzen bringen. Fische werden größer, leben länger und die Population steigt so an, dass umliegende Fischereizonen binnen kurzem davon profitieren können" erklärt der Meeresbiologe. "Als Beispiel: Die Fischfangquote rund um die karibische Insel St. Lucia verdoppelte sich binnen fünf Jahren nach dem Einrichten einer Reservation."

Doch auch die wenigen noch gänzlich intakten Riffgebiete wie etwa in Neu Guinea, die von menschenlichen Einflüssen noch weitgehend verschont geblieben sind, sehen schweren Zeiten entgegen.

Damoklesschwert Global Warming

Die CABS-Forscher warnten auch - wie eine bereits breite Wissenschaftlerfront - vor den Auswirkungen der Treibhausgase. Die zunehmende Temperatur vor allem der oberen Meeresschichten wäre der effektivste Killer von Allen.

In allen Gebieten, wo durch Waldrodungen vermehrt Sedimente ins Meer geschwemmt werden und wo Abfallprodukte aus Landwirtschaft und großstädtischen Bereichen für zunehmende Überdüngung sorgen, genügen minimale Temperaturschwankungen, um riesige marine Ökosysteme zum Kippen bringen, wie auch die Giftalgenblüte an der afrikanischen Ostküste zeigt.

Der Klimawandel bedroht aber alle aquatischen Lebensräume - auch unsere heimischen Binnengewässer - wie etwa der jüngste Bericht des Pew Center on Global Climate Change (www.pewclimate.org) zeigt. Mehr als 150 Studien über die aktuelle Situation von Süßwasser-Ökosystemen und Feuchtgebieten wurden hier zusammengefasst.

Der prognostizierte Temperaturanstieg wird demnach die geographische Verbreitung von Frischwasserfischen sowie die Vermehrung vieler Wasserbewohner schwer beeinträchtigen. Kaltwasser-gewohnte Forellen und Lachse werden in den hohen Norden abwandern und Ambhibien leiden bereits jetzt unter vermehrter UV-Strahlung, die durch die geschädigte Atmosphäre dringt.

Immer mehr Algen reduzieren den Sauerstoffanteil im Wasser und selbst unsere Trinkwasserqualität wird sinken. Im Winter wird es mehr regnen als schneien und je mehr Gletscher abschmelzen, um so trockener werden die Sommer, da die Frischwasser-Zufuhr aus der Schneeschmelze fehlt.

Keine erfreulichen Aussichten also, wenn nicht einem der Hauptverursacher des global warming Prozesses - den CO2 Emissionen - baldigst der Hahn abgedreht wird.

Das Verständnis fehlt noch

Doch ganz offensichtlich bleibt in vielen Marketingetagen nach dem Studium der täglichen Börsenberichte nur wenig Zeit, auch noch wissenschaftliche Lektüre zu lesen, wie aus den Reaktionen der deutschen Industrie auf die Vorgaben zur Umsetzung des Kyoto-Klimaschutzprotokolls abzuleiten wäre.

Kritisiert werden die Brüsseler Vorschläge zum Handel mit den so genannten Emissions-Zertifikaten, sie würden Unsummen kosten, eine Gefahr für zigtausende Arbeitsplätze darstellen und zu erhöhten Strompreisen führen.

Ab 2005 soll nämlich der Handel mit Emissionsrechten beginnen, bei dem sich ein Land von einem Anderen Kohlendioxid-Gutscheine zu einem
(vorgeschlagenen) Preis von 30 Euro pro Tonne kaufen kann - um den eigenen CO2-Ausstoß doch nicht um den im Kyoto-Protokoll vereinbarten Stufenplan zu mindern.

Wer das politische Hickhack verfolgt, das leider in noch schlimmerer Form auch in vielen anderen Nationen stattfindet, kommt unweigerlich zum Schluss, dass hier offensichtlich etwas grundlegendes missverstanden wird:

Es geht beim Thema Klimaschutz nicht darum, sich möglichst preisgünstig von Auflagen freizukaufen, sondern darum, die Schadstoffemissionen zu senken. Und natürlich kostet Klimaschutz Geld. Aber jetzt noch ungleich weniger, als in wenigen Jahrzehnten, wo eine "Reparatur" von Umweltschäden im wörtlichen Sinne unbezahlbar wird.

(0rifftauchersml.jpg © ExpeditionZone / International Feature)

Autor:
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